Von Estella nach Logroño

Strecke

Estella - Villamayor de Monjardín - Los Arcos - Sansol - Torres del Río - Viana - Logroño

Karte

51.6 km, 05:35:50

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3. Etappe

Nach zehn Stunden erholsamen Schlafs auf der Jugendherbergenpritsche raffte ich mich auf, sammelte meine trockenen (!) Kleider zusammen, putzte meine Zähne, zahlte und schwang mich auf meinen lieben Drahtesel. 

Ich sauste bis zum Kreisel und meinem Wiedereintritt in den Jakobsweg hinunter. Brav folgte ich dem Weg durch die Aussenquartiere Estellas und fuhr den Hügel hinan, als ich plötzlich auf eine Menschentraube stiess, alles Pilger, die fröhlich vor sich hinquasselten. Das also war der berühmtberüchtigte Brunnen von Irache. 

Neben dem Wasserhahn prangt da doch tatsächlich ein Weinhahn an der Wand, an dem sich einige eifrige Pilger bereits zu dieser frühen Stunde gütlich taten. Ich füllte meine Flasche (am Wasserhahn), während neben mir eine ältere Dame mit gierigem Blick die ihre mit Wein füllte. Ich wage zu bezweifeln, dass die Dame weit kam, wenn sie nur Wein statt Wasser unterwegs trank.

Diesen speziellen Brunnen und das Monasterio liess ich schleunigst hinter mir und warf mich in die kurze aber bisweilen heftige Steigung nach Villamayor de Monjardín. Von hier aus führte mich die nächsten ca. 12 km ein in die weiche Landschaft eingebetteter Feld- und Schotterweg nach Los Arcos. Dort angekommen kaufte ich mir erstmal ein Baguette und etwas Schinken, das ich zum Frühstück geniessen wollte. Diesem Ansinnen kam mindestens zur Hälfte ein französischer Hardcore-Pilger, der seit 2002 auf dem Camino lebt, in die Quere. Ihm überliess ich eine Hälfte meines Frühstücks und erhielt dafür gute oder wenigstens gut gemeinte Ratschläge. Nach intensivem Debattieren verabschiedete ich mich von ihm, um meine Wasserflasche nachzufüllen und mich noch etwas im schmucken Städtchen umzusehen. Er machte sich indes an seine nächsten Opfer, die ihm aber offensichtlich kein Gehör (und nicht nur das) schenken wollten , was ihn schliesslich zum Abzotteln veranlasste. Beim Vorbeigehen rief er mir noch zu, dass seine weniger gesprächigen neuen Opfer auch aus der Schweiz seien.

So lernte ich Heidi und Xaver aus Waldstatt kennen, die mit Unterbrüchen den gesamten Weg von Waldstatt durch die Schweiz, Frankreich und Spanien nach Santiago pilgern. Nach einem kurzen Schwatz über das Leben und das Pilgern verabschiedeten wir uns herzlich, und ich machte mich durch das imposante Portal de Castilla hinaus aus der Stadt auf den Weg nach Logroño.

Nach einigen Kilometern zahmer Schotterwege und ein bisschen Asphalt gelangte ich nach Sansol, wo ich auf dem Hinausweg etwas rumirrte, obwohl das ganze Dorf durchaus überschaubar ist. Der kurze Downhill-Trail hinab zum Río Linares und der zum Glück asphaltierte ca. 20%-ige Aufstieg nach Torres del Río führten mich mitten in das schmucke Dorf, in dem die Iglesia del Santo Sepulcro, die Heiliggrabkirche sofort ins Auge sticht. Die Kirche ist als Oktogon angelegt und wird durch ihre Kuppelkonstruktion geprägt, deren Aufbau und an die Mezquita in Córdoba erinnert. Dieses interessante Gotteshaus wollte ich mir nicht entgehen lassen.

 

So, auch geistig etwas erfrischt, machte ich mich auf den Weg durch die westlichsten Gebiete der Provinz Navarra nach Viana. Singletrails wechseln sich ab mit schön präparierten Pisten. Technisch bleibt die Strecke abwechslungsreich aber nicht anspruchsvoll. So erreichte ich Viana, wo ich mich mit einem Stück Tortilla verpflegte. Die letzten 10 Kilometer nach Logroño waren abgesehen von vielen lachenden Pilgergesichtern eher ereignislos. Eingangs Logroños informierte mich der "Zoll", eine Stempelstelle bei einem Bauernhaus, informierte mich, dass die Albergue municipal keine bicicletas annehme. Die Dame wies mir den Weg in eine andere Albergue, wo ich Unterschlupf fände.

Auf dem Weg in die Albergue vor der Brücke über den Ebro entdeckte ich "Veni, Vidi, Bici", einen feinen Fahrradmechaniker, bei dem ich das nötige Werkzeug und Reinigungsmaterial erhielt, um meine Equilink-Schraube zu reinigen, neu zu fetten und neu anzuziehen. 

Die Albergue fand ich ohne Probleme, und dort ein Bett für mich und einen Stall für mein braves Drahteselchen. 

Waschen. Duschen.

Auf der Suche nach einem Geschäft, in dem ich eruieren konnte, weshalb mein Garmin Edge nicht mehr laden wollte, streifte ich durch die ganze Stadt. Dabei stellte ich fest, dass die Siesta nicht unbedingt nur von 14 bis 17 Uhr dauern kann, sondern gerne auch etwas darüber hinaus. Dafür traf ich auf ein Riesenfest für die spanische Nationalelf, die am nächsten Tag ein EM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein -, das sie dann standesgemäss 6:0 gewann - bestreiten sollte, querte die Altstadt und trank ein paar café solo. 

Lehren aus dem Tag

  1. Eile mit Weile.
  2. Der Weg ist nicht das Ziel.
    Es ist nicht wichtig, wieviele Höhenmeter und Kilometer in welcher Zeit ich absolviere. Es ist wichtig, dass ich ankomme.
  3. Ein Händedruck als Ausdruck aufrichtiger Dankbarkeit scheint in diesem Land oder zumindest auf dem Camino noch einen Wert zu haben und gepflegt zu werden.

Fünf Postkarten, ein Bier und eine heilige Messe später suchte ich geistig und körperlich gesättigt und müde die Albergue und mein Bett auf.