Von Zubiri nach Estella

Strecke

Zubiri - Larrasoaña - Pamplona - Cizur Menor - Zariquiegui - Alto del Perdón - Uterga - Puente la Reina - Cirauqui - Lorca - Villatuerta - Estella

Karte

69 km, 06:52:57

Download

2. Etappe

Diese Nacht kam es mir so vor, als ob jeder meiner 25 Mitbewohner noch heimlich eine zweite Schnarchnase im Bett versteckte. Während links unten ein wohlgenährter Herr den rhythmischen Grund-Groove mit einem tiefen, sonoren Chchchrrrr hinlegte, begleitete ihn ein ganzer Chor Chrpffüüü-Background. Immer wieder löste sich einer der Schnarcher aus dem Chor und bot ein Solo dar.

Ob es das alleine war, was mich unruhig schlafen liess, sei dahingestellt. Auf jeden Fall lag ich lange wach und erwachte nach kurzen Intervallen Schlaf immer wieder. So machte es mir denn auch gar nichts aus, als um 06:30 Uhr die Wecker losratterten. Ich machte mich daran, meine Morgentoilette hinter mich zu bringen, meine sieben Sachen zu packen und das Bike loszubinden.

Getreu dem Motto "Der frühe Vogel fängt den Singletrail" startete ich schon um Viertel nach sieben als einer der ersten, um mich auf der bevorstehenden Singletrail-Etappe möglichst wenig in der Einerkolonne einordnen zu müssen. Dieser Plan ging denn auch ganz gut auf. Auf wunderschönen Trails ging's fast mutterseelenalleine, nur ab und zu begleitet von einem noch nicht ganz munteren "buen camino" nach Pamplona. In Pamplona kam ich schon ziemlich früh  an. Die Stadt schien sich noch einmal im Schlaf umzudrehen, hier und da ein Räkeln, dort ein verstohlener Augenaufschlag. Eine kurze Verschnaufpause auf der eindrücklichen Befestigungsanlage "Frente de Francia"  und ein kurzer Blick auf den Platz vor der Kathedrale, nichts hielt mich länger in dieser Stadt.

Ich verliess Pamplona auf dem vorbildlich markierten Weg an der Zitadelle vorbei nach Cizur Menor. Über breite, staubige Feldwege fuhr ich in Richtung Alto del Perdón, der sich noch klamheimlich hinter Nebelschwaden versteckte. Bis Zariquiegui hatte ich sicher bereits eine halbe Legion Pilgerinnen und Pilger überholt, immer mit einem freundlichen "Hola, buenos días, buen camino". Viele Amerkaner, Engländer, Franzosen und Deutsche waren hier unterwegs, aber auch zwei Schweizerinnen. Die Tatsache, dass ich auf dem Mountainbike schneller unterwegs war als die Fuss-Pilger, ermöglichte es mir, dann und wann ein paar Worte zu wechseln und ein paar Geschichten zu hören. 

In Zariquiegui war die Tienda zum Glück geöffnet, obwohl es Sonntag war. So konnte ich mir nun endlich das längst fällige Frühstück gönnen. Etwas Banane und Tomate und ein Faustbrot, dazu eine Cola als Koffein- und Zucker-Lieferant. Die letzten gut 150 Höhenmeter zum Alto del Perdón forderten mir dann auch alles ab. Zwar führte ein niedlicher Feldweg aus dem Dorf Zariquiegi heraus, der sich allerdings schnell in einen ziemlich steilen Singletrail verwandelte,so dass ich mir ein "ach, du liebe Scheisse" nicht verkneifen konnte. Ich stampfte mutig den Berg hinan und schaffte es schliesslich - an all den Pilgern vorbei - auf den Alto del Perdón zu gelangen. 

Dass mich Windkraftwerke und Windmühlen faszinieren, ist hinlänglich bekannt. So verwundert es wohl auch nicht, dass ich den hier in Reih und Glied aufgestellten Giganten wie verzaubert zuschaute, wie sie sich im aufkommenden Ostwind majestätisch drehten. Mich selber kühlte der Wind etwas ab, und ich machte mich drum auf den dem Aufstieg in Sachen Steilheit um nichts nachstehenden Trail nach Uterga.

Zwischen Puente la Reina mit seiner erhabenen Römer-Brücke über den Arga und Cirauqui überholte ich eine junge Pilgerin, die arg humpelte. Ich fragte nach ihrem Befinden, und sie klagte mir über Schmerzen in den Knien und Blasen an den Füssen. Mein Angebot, ihr das Gepäck abzunehmen und sie bis zur nächsten Herberge zu begleiten, schlug sie dankend aus. So setzte ich meinen Weg fort in einem stetigen Auf und Ab durch die schöne Landschaft Navarras und durch die Städtchen Cirauqui, über die alte und halb verfallene Brücke hinaus aus dem Städtchen, weiter nach Lorca und Vilatuerta und schliesslich hinein nach Estella.

In der Pilger-Herberge wollte mir der Herr an der Recepción vor 6 Uhr abends noch kein Zimmer geben. Die Fuss-Pilger haben überall Vorrang, was auch absolut richtig ist. Weil ich die Nacht aber unbedingt in Estella bleiben wollte, schlenderte ich weiter zur Jugendherberge, wo ich für 12½ € ein Zimmer ganz für mich alleine buchen konnte.

Duschen, Waschen, Stadt-Besuch, etwas essen, etwas trinken, etwas naschen, Tagebuch schreiben an der Plaza los Fueros und aufs nächste Essen warten. Dann ab in die Federn!