Von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Zubiri

Strecke

Saint-Jean-Pied-de-Port - Huntto - Orisson - Lepoeder - Roncesvalles/Orreaga - Burguete - Espinal - Lintzoain - Zubiri 

Karte

47.7 km, 07:24:59

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1. Etappe

Mir begegnen so viele Menschen, die das bisschen Aufmerksamkeit, das ich ihnen schenke, mit Wonne aufsaugen und mir dafür ein Lächeln, einen guten Wunsch oder einfach ein paar liebe Worte schenken. Sie reagieren auf meine Aufmerksamkeit wie Blumen in der Wüste auf Wasser, richten sich auf, zeigen ihr schönstes Gesicht und strahlen plötzlich in völlig neuem Glanz. Sei es die Dame in der Jugendherberge, Alain vom Pilgerbüro, das Mädchen an der Kasse des Sandwich-Standes, selbst Janine, die unerbittliche Herbergen-Generalin in Saint-Jean-Pied-de-Port konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Alle strahlen das zurück, was sie anstrahlt, einem Spiegel gleich. Und je mehr Spiegel wir anstrahlen, desto heller wird unser Leben. 

Um 6 Uhr erwachte ich, im Zimmer über uns herrschte bereits mehr oder weniger reges aber nicht überhörbares Treiben. Meine Mitbewohner schnarchten munter weiter. So drehte auch ich mich noch einmal um und wartete darauf, dass auch mein Herbergen-Zimmer zum Leben erwache. Darauf musste ich in der Tat nicht lange warten. Während sich die anderen Jungs schon zum Abmarsch rüsteten, ging ich zur Herbergen-Mutter Janine und versorgte mich mit Kaffee, etwas Banane und zwei trockenen Brötchen. Es war ein munteres Kommen und Gehen, und ich genoss es, mit der Einen oder dem Anderen etwas über Herkunft, Camino und Leben zu plaudern. 

Mit etwas Respekt aber vor allem Vorfreude auf das, was mich in den kommenden Tagen erwarten würde, zog es mich auf den Camino. Die Nacht hatte es durchgeregnet, und die Wetter-Aussichten für die Pyrenäen-Überquerung waren alles andere als berauschend. Ich zog mich um, packte meine nassen Sachen ein und machte mich startklar. Pünktlich um halb acht hörte das Plätschern draussen auf. Ich verabschiedete mich herzlich von Alain, Jacques und Janine und auch von meinem britischen Zimmergenossen, der heute den Zug nach Biarritz nehmen wollte. 

Um zwanzig vor acht liess ich vorsichtig die noch regennasse, gepflasterte Strasse der Altstadt runterrollen, verliess diese durch die Porte de l'Espagne über die mittelalterliche Brücke und fand mich flugs mitten im Anstieg. Auf den nächsten 7 km stieg dieser über 700 Höhenmeter, wohlgemerkt mit Zwischenpassagen, in denen wieder Höhenmeter vernichtet wurden. Mit bis zu 24% Steigung erreichte ich schliesslich Orisson, wo ich den Brunnen dazu nutzte, meinen eigenen Wasserspiegel und jenen meiner Wasserflasche wieder etwas zu heben. Mein Wasser war in der Zwischenzeit in Shirt, Hosen, Socken und Schuhen. Die Kombination der Schwüle mit der unerbittlichen Steigung trieb mir den Schweiss aus den Poren. 

Auf den folgenden 14 km stieg die Strasse zuerst noch einmal 300 Höhenmeter auf Asphalt, bevor der Trail zum Lepoeder begann, auf dem noch einmal 300 Höhenmeter anstanden. Ich verliess Frankreich, nachdem ich an der Fontaine de Roland meine Wasservorräte noch einmal aufgefrischt hatte. Während mich Nebelschwaden den Weg hinauf zum Lepoeder begleitet hatten, hellte sich das Wetter auf, sobald ich den Kulminationspunkt hinter mir hatte.

Entgegen der Empfehlung von Alain, auf der asphaltierten Strasse nach Roncesvalles hinunter zu fahren, nahm ich den bisweilen steilen Downhill auf dem Pilgerpfad in Angriff. Zum Glück begann meine Hinterbremse wieder unsinnig zu röhren, was die Pilger auf dem Weg vor mir von Weitem auf mein Kommen vorbereitete. Ich überholte sie mit einem freundliche "buen camino", das mir von alen Seiten her ebenso freundlich nachhallte. Nach einem atemberaubenden Downhill stand ich plötzlich vor dem Komplex aus Kirche und Herberge in Roncesvalles/Orreaga.

Stempeln. Weiter.

Ich kämpfte mich durch die Hochzeitsgesellschaften, die hier noch oder schon rumstanden und die wunderschöne Kulisse und das ebenso tolle Wetter für Hochzeitsfotos nutzten. Hinter dem Schilf "Santiago de Compostela - 790 km" schwenkte ich ein in den Singletrail durch die nach dem Regen feuchten Wälder und genoss den frischen Geruch der Bäume und des Bodens.

Im Moment war ich ziemlich alleine. Die Fuss-Pilger aus Roncesvalles waren längst weg, und der Trail gehörte mir. Nach etwa 10 km überholte ich die ersten Pilger, die ich wieder fröhlich grüsste und ihnen einen "buen camino" wüschte. Um mich weiterhin etwas ausserhalb des grossen Pigerstroms zwischen Roncesvalles und Zubiri oder Larrasoaña zu bewegen und von der warmen Sonne zu profitieren und meine entweder vom gestrigen Regen oder von der heutigen Nebelfahrt über die Pyrenäen und dem damit verbundenen Schweissverlust nassen Kleider trocknen zu lassen, machte ich eine etwas ausgedehnte Mittagsrast. Mitten auf einer Weide leerte ich meine Schuhe, hängte meine Socken, mein noch nasses Badetuch und meine Hose Nr. 1 auf, hängte selber den Gedanken nach und freute mich über die wärmenden Sonnenstrahlen.

Die Sonne versteckte sich aber immer wieder hinter den Wolken, was mich zur Weiterfahrt mahnte. Noch etliche Kilometer Weges und einige Treppen und ruppige Trails lagen vor mir. Am Puerto d'Erro machte ich eine nächste Pause. Hier war ich bereits vor 11 Jahren auf einer Motorrad-Tour rund um Frankreich vorbeigefahren und hatte meine auch damals pitschnassen Klamotten auf dem damals menschenleeren Parkplatz getrocknet. Heute steht hier ein Getränke- und Imbiss-Stand, der sich auf die vielen Jakobsweg-Pilgerinnen und Pilger spezialisiert hat. Ich kredenzte ein Coca Cola und beobachtete das Kommen und Gehen der Pilgerinnen und Pilger aus allen Herren und Herrinnen Länder. Das Geschnatter einer Gruppe junger US-Amerikanerinnen trieb mich auf die letzten 3.5 km und den finalen Downhill nach Zubiri.

Die Albergue war schnell gefunden. Zuerst kümmerte ich mich um mein havariertes Bike. Nach einer ersten Wäsche entdeckte ich bei der Kontrolle des Bikes eine Schraube, die sich auf dem holprigen Trail gelöst hatte. Danach erst suchte ich die Reception auf, die mir ein Bett in einem heimeligen 26-Bett-Zimmer zuwies.

Duschen. Wäsche waschen. Alles mit eher kaltem Wasser.

Während des Tagebuchschreibens lernte ich verschiedene Mitbewohner kennen. Zwei Italiener, von denen einer über Knieschmerzen klagte, die er sich offensichtlich beim Abstieg nach Roncesvalles zugezogen hatte. Der andere hantierte mit einem stumpfen Schweizer Sackmesser an seinem Wanderstock. Ich lieh im mein scharfes, was seine Effizienz und seine Stimmung hob.

Eine koreanische Gruppe um einen Gehbehinderten im Rollstuhl, die schnatternden US-Amerikanerinnen, Einzelgänger und Gruppen jedes Alters und verschiedenster Nationalitäten fanden sich hier zur Übernachtung ein. Und alle hatten wir ein Ziel.